Istanbul. Was hat der Preis eines Herrenhemdes mit der Verfassung eines Landes zu tun? In der Türkei eine ganze Menge. Wenige Tage vor der am Sonntag anstehenden Volksabstimmung über die umfassendste Verfassungsreform, die das Land in den letzten Jahrzehnten gesehen hat, füllt die Vorliebe von Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu für feinen Zwirn die Schlagzeilen. Nach heftiger Kritik an seinen italienischen Edelhemden für 260 Euro ließ Kilicdaroglu nun verkünden, dass er auf preiswertere Ware umsteigt und ab sofort denselben Istanbuler Maßschneider bemüht wie sein Rivale, Premier Recep Tayyip Erdogan.
Ob das für Kilicdaroglu den Durchbruch bringt, werden die Türken erst nach Schließung der Wahllokale erfahren. Seit Wochen streiten sich Regierung und Opposition wie im Wahlkampf über alles Mögliche – nicht nur über Herrenhemden, sondern auch darüber, welcher Politiker denn nun das luxuriöseste Schwimmbecken zu Hause hat.
Ab und zu wird über das Thema debattiert, um das es eigentlich geht: um die 26 Punkte umfassende Verfassungsänderung, die Erdogan per Referendum in Kraft setzen lassen will. Der Wahltag ist zugleich der 30. Jahrestag des Militärputsches von 1980, dem die Türken die aktuelle, von einem antidemokratischen Geist durchwirkte Verfassung zu verdanken haben. continue reading…